Es gibt Tage, Stunden, Sekunden da fühlen wir uns leicht, da gelingt alles, da träumen wir dahin, da tun wir alles selbstlos, um des Tuns willen, da fühlen wir uns glücklich – wie im Paradies. Die Kehrseite davon kennen wir auch. Tage, Stunden, Sekunden werden zur Klage, oft zur Anklage – Wer tut uns das an? Weshalb? Wozu? Wir verstehen das Unglück nicht. Das Glück hingegen, denken wir, verdienen wir allemal.
Das bittere Zeitgefühl ist philosophisch, religiös wie literarisch ein Grundthema. Oft sind es in den Schriftzeugnissen ältere Mentoren – Meister aller Art, weise ältere Personen in Romanen, oft der Romancier selber -, die um das gelingende glückliche oder misslingende unglückliche Leben zu wissen meinen. Eine literarische Ausnahme war der Schweizer Schriftsteller Robert Walser, eine philosophische Friedrich Nietzsche. Beide wissen um das Glück des Augenblicks ohne eigenständige Leistung. Beide endeten in der Psychiatrie. Anders Friedrich Weinreb. Auch er weiss um das leistungslose Glück des Augenblicks. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Dort wo Glück und Unglück aus der zeitlichen Perspektive zusammenfallen, steht für Weinreb unsere Sehnsucht. Sehnsucht ist ein anderes Wort für den Traum vom Paradies. Wonach sehnen wir uns? Ziehen uns die irdischen Gelüste oder die himmlisch verheissenen Genüsse an? Vermutlich beide. Meist bewegen wir uns dazwischen. Mal so, mal so. Unserem Begehren nach dem Hier steht immer schon die Sehnsucht nach dem Dort gegenüber, die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, auch die Sehnsucht nach einem Lebenssinn.
Was aber meint Paradies? Und: Wo liegt der Garten Eden? Im Hebräischen heisst «gan eden», das Hüten des Glücks, des sich Wohlfühlens. Der Mensch im Garten, in dem die Schlange auftaucht und den Menschen zum Fallen versucht, kann sein Glück hüten. Darin liegt die Freiheit des Menschen. Jeden Augenblick wählt er zwischen den beiden Bäumen, dem Baum des Wissens und dem Baum des Lebens. Wie ist dieser Baum des Lebens zu finden und zu empfinden? Da führt uns Weinreb in die Bibel hinein. Sie selbst ist der Baum des Lebens. Deren Worte können jeden Augenblick das Paradies erstehen lassen. Mittels der biblischen Geschichten können wir das verlorene Paradies in uns auferstehen lassen. Gibt es doch in der Bibel kein «Vorher und Nachher». Gleichzeitig sind wir hier und dort. Gleichzeitig erleben wir hier das tägliche Auf und Ab und das Paradies dort.
Weinreb führt uns in tausendfachen Erzählungen dorthinein. Er erzählt, wie der Mensch vor der Spaltung als Mann und Frau, als Ein Mensch König ist. Er erzählt, wie das Weibliche, das Erscheinende wie also das Bewusste aus dem Nichtbewussten herausgenommen wird. Er erzählt, wie das Zusammensein von Nichtbewussten und Bewussten als Paradies empfunden werden kann. Er erzählt, wie von dort das Wunder des Wortes und die Kraft des Erzählens erlebt werden kann. – Die diesjährige Reichenau Tagung wird vielfältige Möglichkeiten geben, den Traum vom Paradies nachzuempfinden.
August 2012, hjr.
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