«Spuren der Tage des Himmels auf Erden» - so heisst die Geburtstagsschrift an Christian Schneider im vergangenen Jahr von seiner Frau Antonie anlässlich seines 65. Geburtstages. Es sind Spuren voller Buchstaben, die Christian Schneider selber notierte - als Worte und als Texte. Es sind poetische Texte, manche lesen sich wie Gebete, wie ein Hören aus dem Ewigen und ein Sprechen zum Heiligen. Mund und Ohr. Sprechen und hören. Beide als Einheit. Das klingt wie eine Liebkosung.
Christian Schneider war ein Liebhaber des Wortes und des Buches – man kann sagen, er war ein Wort- und ein Buchmensch. Die Sprache war seine Heimat und das Buch ein Ort seines Lebens. Als er in den 70er Jahren Friedrich Weinreb hörte, muss das für ihn auch eine Liebkosung gewesen sein. Er hörte die Sprache seiner Heimat sprechen. Fortan kam er fast wöchentlich von München, wo er für einen grossen Verlag arbeitete, zu Weinrebs Vorträgen nach Zürich. Es dauerte nicht lange und er zog nach Zürich. Dort setzte er sich für Weinrebs Vortragstätigkeit ein und nach einiger Zeit wurde er 1978 mit der Gründung des Thauros Verlages zum Verleger von Weinrebs Büchern. Ein Traum, ein Kindheitstraum ging für ihn in Erfüllung. Der Traum, die Worte verlegen zu dürfen, die ihn selbst berührten und bewegten, die ihm am Herzen lagen. Selber sagte er dies so:
«Schon als Kind habe ich von Büchern geträumt, die den Leser zum neuen Columbus machen, der sein Zeitalter der Entdeckung erlebt. Der Leser, wenn er es denn wagt, als Autor: Hören und Sprechen, Lesen und Schreiben, Empfangen und Überliefern im unerschöpflichen Beziehungsgeflecht des Wortes».
Aus dem Hörerleben mit Weinreb schöpfte Christian Schneider neuen Atem für seine künftige Tätigkeit. Sie bestand darin, Weinrebs Worte in Bücher zu verlegen. Als Verleger war es ihm ein Anliegen, das, was er beim Hören von Weinreb erlebte, auch anderen Menschen in Schriftform zugänglich machen zu können. Und das ist ihm auch gelungen. Dutzende von Textfassungen zeugen davon. Immer ging es ihm um eine einfache, verständliche Lesbarkeit, die das gehörte Erlebnis nachvollziehen lässt. Sprachlich stellt das hohe Anforderungen. An seinen Textfassungen erkennt man ein feines, achtsames Sprachvermögen und auch Sprachvergnügen.
Weinrebs Sprechen führte auch Menschen zusammen. Seine Frau Antonie lernte er als Weinreb-Hörerin kennen. Fast 30 Jahre lang führten sie in Weiler im Allgäu sozusagen als Familienunternehmen den Thauros Verlag. Dutzende von fein gemachten Büchern gab er heraus.Traumleben war eines der ersten. Später ist es auch von deutschen Grossverlagen verlegt worden. Viele Bücher folgten dem Traumleben nach. Darunter auch Kunstbücher mit Bilder von Künstlern und Weinrebtexten. Weinrebs Hauptwerk «Schöpfung im Wort» brachte er 1994 auf deutsch heraus.
In den vergangenen Monaten arbeitete er mit grosser Freude an einem weiteren Hauptwerk von Weinreb, «Das Opfer in der Bibel», das das Näherkommen zu Gott erzählt. In der Arbeit an diesem Buch kreuzen sich Wege seines Lebens. Gezeichnet von seiner Krankheit arbeitete er selbst im Spital daran. Er wollte es auf die Reichenautagung hin vorlegen können. Und er konnte die Bindung des Buches im Spitalbett erleben und so durfte er es vollenden.
Gleichzeitig arbeitete er noch an einem weiteren, seinem eigenen Buch, das als Festschrift zum hiesigen Jubiläumsjahr von Weinreb gedacht war. Weinrebs Sprechen empfand er ganz im traditionell jüdischen Sinn als ein Sprechen im Lehrhaus des Wortes. In diesem Lehrhaus war er nicht nur Empfangender, er war auch Gebender. Christian Schneiders eigene Reden und Texte waren immer von einem guten, freudigen Echo begleitet. In seinen Texten näherte er sich mit seiner Sichtweise Weinrebs Worten auf eine persönliche Art an und zeigt auf, was es in Weinrebs Werk alles immer wieder von Neuem zu entdecken gibt: Nämlich zu staunen, welche Geheimnisse und Wunder das Wort birgt und verbirgt. Weinrebs Lehrhaus des Wortes hat in Christian Schneiders Buch «Im Lehrhaus des Wortes» einen kundigen und liebenden Vermittler gefunden.
Diese beiden letzten, neuen Bücher sind im Verlag der Friedrich Weinreb Stiftung herausgekommen, für den Christian Schneider seit der Übergabe des Thauros Verlages im Jahre 2006 als Herausgeber wirkte.
Wir sind Christian Schneider dankbar für die glücklichen Stunden, die er uns mit den Büchern beschert hat. Wie Friedrich Weinreb sich in seinen Worten verschenkte – im Schenken von ewigem Leben – so verschenkte Christian Schneider diese Worte in Büchern weiter.
Seine letztes Gedicht im Büchlein zu seinem 65. Geburtstag lautet:
«Welt im Gegenlicht. Du blinzelst, aber da ist nichts als Licht. Und im Augenschliessen fällt es ein: Berge und Täler, Hügel, Wiesen und Seen, Städte und Dörfer, Flüsse und Meere aus Licht, aus goldener Helle. Die Welt auf der Gegenseite. Was hier fehlt, ist dort in Fülle. Wenn es dich hier bedrängt, kommt es dir dort strahlend entgegen. Du beklagst das Weggehen? Dort kehrt es wieder.»
Wir werden Christian Schneider ein ehrendes Andenken bewahren und sprechen seiner Frau und seinen Kindern unser tief empfundenes Beileid aus.
Dr. H. Ringger, Präsident der Friedrich Weinreb Stiftung
Wie können Worte heilen? Friedrich Weinreb (1910 Lemberg – 1988 Zürich), der dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, hat mit seinem Leben im Tun und im Erzählen die Antwort selbst gegeben: Worte können heilen, weil sie schöpferisch sind und an der Schöpfung teilhaben. Worin besteht die heilende Kraft im Wort? Was hat es mit dem Heiligen zu tun? Was ist es, was in den Worten heilt? Und: Was ist dabei unter Gesundheit zu verstehen?
Friedrich Weinreb hat in dieser Hinsicht nie Rezepte gegeben. In seiner Hinführung und Hinweisung im erzählten Wort hörte man aber eine authentische, einzigartige Stimme sprechen. Eine Stimme, die im Wort Gottes lebte. Er selbst sagte es so: «So kann man dieses Wunder erkennen, wenn man zur Ursprache kommt und im Wort Gott erkennt. Und das ist das Wunder, das dem Menschen das ewige Leben schenkt». An der diesjährigen Reichenau-Tagung möchten wir uns vom heilenden Wort überraschen lassen.
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