Mit der Besetzung beginnen auch die Maßnahmen gegen die Juden. Weinreb verliert seine Stelle am Institut. Eine wachsende Zahl von Verängstigten wendet sich an ihn, den Akademiker, um Rat. Weinrebs Wohnung in Scheveningen wird zur Anlaufstelle für Hilfesuchende, vor allem der ostjüdischen Gemeinschaft, wo man keinerlei Erfahrung im Umgang mit den Behörden hat.
Anfang 1942 erhalten die ersten Juden Aufrufe, sich für den Transport ins Sammellager Westerbork zu stellen. Als Weinreb um Hilfe angegangen wird, wie man sich dem entziehen könnte, entschließt er sich in seiner Bedrängnis zu einem folgenreichen bürokratischen Täuschungsmanöver: Er fingiert ein "Büro Weinreb", das im Auftrag der deutschen Wehrmacht tätig ist, und bestätigt der zuständigen Behörde, daß bestimmte Personen zur Emigration gegen Devisen vorgesehen und daher vom "Arbeitseinsatz" freizustellen seien.
Die sogenannte "Weinreb-Liste" ist geboren. Wer dort notiert ist, dem wird "bis auf weiteres" Aufschub gewährt. Die Liste wächst, verselbständigt sich sogar im Lager Westerbork, wo sich Juden, die davon hören, eintragen lassen, um den Transporten nach Polen zu entgehen.
Inzwischen hofft Weinreb auf die vom englischen Sender angekündigte Invasion der Alliierten. Er als einziger weiß, daß sein Aufschub gewährendes Phantasiegebilde jeden Augenblick als dreiste Lüge entlarvt werden kann. Und damit sich die in die Liste Eingetragenen nicht in falscher Sicherheit wiegen, rät er jedem "unterzutauchen" und sich, wenn möglich, ins neutrale Ausland abzusetzen. Er knüpft Kontakte zur Illegalität, zur Unterwelt, um falsche Papiere, Untertauchadressen, Lebensmittelkarten für die Untergetauchten zu beschaffen.
Nach der Verhaftung einer untergetauchten Jüdin fällt beim Verhör der Name Weinreb, worauf dieser sofort verhaftet wird. Nach seinen Auftraggebern befragt, erfindet Weinreb spontan einen Generalleutnant Herbert Joachim von Schumann beim Oberkommando der Wehrmacht in Berlin sowie zwei Mittelspersonen in Den Haag bei der Kommandatur. Der für Weinreb zuständige SD-Mann Koch, der natürlich bald herausfindet, daß es einen General dieses Namens in Berlin nicht gibt, ist überzeugt, daß Weinreb das Opfer raffinierter Betrüger geworden ist. Er läßt Weinreb frei und wie zuvor weiterarbeiten, um nun mit seiner Hilfe die vermeintliche "Schumann-Bande" zu fassen.
Weinreb sucht Zeit zu gewinnen, bestärkt mit Andeutungen und vagen Geschichten den SD-Mann in seiner Verschwörungstheorie. Als der SD auf Konkretes drängt, heuert er einen Kriminellen an, der gegen Honorar bereit ist, die Rolle eines Mittelsmannes der "Schumann-Clique" zu spielen und sich vom SD verhaften zu lassen. Die Inszenierung geht auch wie geplant über die Bühne, aber in den Verhören bricht er bald zusammen und gesteht alles.
Weinreb wird verhaftet, schwer mißhandelt und kommt ins Polizeigefängnis, seine Familie wird ins Lager Westerbork abtransportiert. Als Weinreb im Verhör gesteht, daß er alles nur erfunden habe, glaubt ihm Koch kein Wort, sondern ist fester denn je davon überzeugt, daß Weinreb diesen "von Schumann" nur schützen wolle.
Im Mai 1943 trifft Weinreb mehr tot als lebendig als "Sträfling" im Lager Westerbork ein, wo er vom Tod seines älteren Sohnes David erfährt. Bald aber wird er vom SD wieder nach Den Haag geholt. Da das Schumann-Rätsel unlösbar erscheint, möchte man sich jetzt mit der Hilfe Weinrebs an Geld, Wertsachen und Diamanten untergetauchter Juden bereichern. Um ihrer habhaft zu werden, soll Weinreb eine neue Liste für die Ausreise nach Portugal eröffnen. Wieder gelingt es Weinreb mit List und Täuschung den SD von seiner Mitarbeit zu überzeugen und gleichzeitig weit über tausend Personen in Westerbork für den Weitertransport nach Auschwitz sperren zu lassen.
Anfang 1944, als ihm der SD zu mißtrauen beginnt, taucht er buchstäblich im letzten Moment samt seiner Familie unter. Unter falschem Namen, aber mit "echten" Papieren, leben sie in der Nähe von Arnhem, erleben dort im September dieses Jahres die Schlacht um Arnhem, werden evakuiert und kommen bis zum Kriegsende auf einem Bauernhof unter.
Kurz nach der Befreiung durch die Alliierten gerät Weinreb in ein gefährliches Chaos. Ehemalige Untergrundkämpfer und allerlei patriotische Gruppierungen maßen sich Polizeigewalt an, jagen auf eigene Faust echte oder vermeintliche Kollaborateure, während Niederländer, die allzu eng mit den Deutschen zusammengearbeitet haben, verräterische Spuren verwischen und unliebsame Zeugen beseitigen lassen. Ein Anführer aus dem Widerstand erkennt in Weinreb einen Zeugen seiner heimlichen Zusammenarbeit mit den Deutschen und läßt ihn verhaften. Weinreb wird der Zusammenarbeit mit den Nazis beschuldigt, des Verrats, der Zellenspionage, der Bereicherung durch Einschreibegelder für seine "Listen". Dreieinhalb Jahre verbringt er in Untersuchungshaft. Nach mehrmaliger Zurückverweisung der Anklagen an jeweils neue Untersuchungsrichter kommt es im Oktober 1948 zur Verurteilung durch den "Besonderen Gerichtshof": Die Strafe von sechs Jahren Haft ist exakt so bemessen, daß sie zum Zeitpunkt der Urteilsverkündung nach damaliger Gepflogenheit gerade durch die Untersuchungshaft "abgesessen" ist.
Jacques Presser, der angesehenste Historiker der Niederlande in der Nachkriegszeit, hat in seinem 1965 erschienen Werk "Ondergang" (Untergang) über "Die Verfolgung und Vernichtung des niederländischen Judentums 1940-1945" ein eigenes Kapitel Weinreb gewidmet, in dem er nicht nur deutlich klarmacht, daß seiner Meinung nach Weinreb nicht nur zu Unrecht angeklagt und verurteilt wurde, sondern auch zum Ausdruck bringt, daß er eigentlich auf jüdischer Seite der einzige war, der unter Einsatz seines Lebens wirklich Widerstand geleistet und sehr vielen Verfolgten zur Flucht verholfen hat. "Hat man", schreibt Presser am Ende des Weinreb-Kapitels, "Weinreb ein Denkmal errichtet? Hat man ihm einen Orden verliehen? Hat man ihn mit einem Geschenk geehrt? Man hat ihn schwer bestraft. Wie kann das geschehen? Wodurch, weshalb? Ich will es mit einer Antwort versuchen, wohlgemerkt: versuchen. Es ist nicht mehr als meine persönliche Überzeugung. Nun: Der Jude Weinreb ist der Sündenbock geworden, er hat für alles Versagen zahlloser Nichtjuden gebüßt. ... Wenn es keine jüdischen Verräter gab, dann mußte man sie erfinden. ... Hier war nun einer von dem Format, das befriedigte."
Pressers Einschätzung wird auf unerwartete Weise bestätigt, wenn man Weinrebs weiteren beruflichen Werdegang betrachtet. Offenkundig wollte die niederländische Gesellschaft durch ihre Regierung wieder gutmachen, was sie Weinreb durch ihre Justiz antun ließ.
Weinreb wird von der niederländischen Regierung für vier Jahre nach Indonesien geschickt, das seit 1949 ein unabhängiger Staat geworden war. Die frühere Kolonialmacht war sehr daran interessiert, durch ihre besten Wissenschaftler die Ausbildung einer indonesischen Elite zu gewährleisten. 1952 tritt Weinreb seine Stelle als Ordinarius für Ökonometrie und Statistik an der Universität von Jakarta an. Er wird mehrfach von Staatspräsident Sukarno eingeladen, lernt 1955 anläßlich der Bandungkonferenz Nehru, Tschou En Lai und Nasser kennen. 1956 wird er nach Kalkutta berufen, wo er an der dortigen Universität Vorlesungen hält und am zweiten Fünfjahresplan Indiens mitarbeitet. Im selben Jahr kehrt er nach Holland zurück, nimmt seinen Wohnsitz in Den Haag und hält Vorlesungen an der Rotterdamer Hochschule.
Gleichzeitig setzt Weinreb seine schon 1949 begonnen Kurse und Vorträge in privaten Kreisen zu biblischen Themen, zum Judentum und zur jüdischen Überlieferung fort. "Ich lebte", schreibt er in seiner Autobiographie, "ganz in der Welt dieser Worte, der Bibel und den Überlieferungen. Obwohl man von außen eher hätte denken müssen, ich fände in den Vorlesungen auf wissenschaftlichem Gebiet, in meinen wissenschaftlichen Berichten, meinen wirtschaftlichen Beratungen meine Hauptbeschäftigung."
1958 schickt ihn die holländische Regierung nach Ankara, wo gerade die Middle East Technical University gegründet wurde, an der Weinreb den Lehrstuhl für Ökonometrie erhält und ein Jahr später Rektor der Universität wird. Nach dem Militärputsch 1960, in dessen Folge der ehemalige Ministerpräsident Menderes hingerichtet wird, verläßt Weinreb enttäuscht die Türkei im Sommer 1961.
Genf ist die nächste Station, wo er nun vier Jahre lang als Experte für zwei große Organisationen der Vereinten Nationen tätig ist. Gleichzeitig lehrt er auch als Gastdozent am Institut des Hautes Etudes International in Lausanne. In Genf, wo er die Lebensweise einer internationalen Wohlstandselite in konzentriertester Form erlebt, in dieser Atmosphäre geschäftiger Betäubung, schreibt Weinreb sein bahnbrechendes Grundlagenwerk zur Bibel: eine Art Gegenentwurf zum Leben, wie es ihn im beruflichen Alltag umgibt. Schon im Herbst 1963 erscheint das umfangreiche Werk unter dem Titel "De Bijbel als Schepping" (Die Bibel als Schöpfung) im Verlag Servire in Den Haag; Anfang 1966 kommt eine stark gekürzte deutsche Fassung mit dem Titel "Der göttliche Bauplan der Welt" in Zürich heraus, "als Einführung in die hoffentlich bald zu erwartende, vollumfängliche deutsche Ausgabe", wie der Übersetzer und Bearbeiter in seinem Vorwort schreibt. Sein Wunsch geht erst 1994 in Erfüllung, als die ungekürzte deutsche Ausgabe erscheint, mit dem Titel, vom Autor noch zu Lebzeiten bestimmt: "Schöpfung im Wort. Die Struktur der Bibel in jüdischer Überlieferung".
Das unerwartet lebhafte Echo, das dieses Buch in Holland, dann vor allem auch in der Schweiz und in Deutschland hervorruft, veranlaßt Weinreb, seine zunehmend als lästig empfundene akademische Tätigkeit vorzeitig zu beenden. 1964 läßt er sich in Den Haag, später in Naarden nieder. Begeisterte holländische Freunde gründen eine private Akademie als Forum für seine Kurse und Vorträge über die hebräische Sprache, die Bibel und die jüdische Überlieferung.
Das Kapitel über Weinreb in Jacques Pressers Buch "Ondergang", von dem schon die Rede war, löst bald nach seinem Erscheinen 1965 wahre Hetzkampagnen gegen Weinreb aus. Pressers Untersuchung belegt, daß es nennenswerten Widerstand gegen die Deportationen der Juden in Holland kaum, jüdischerseits überhaupt nicht, gegeben hat, bis auf Weinreb, den man dafür auch noch bestrafen zu müssen glaubte. Das konnte die holländische Gesellschaft, die von sich ein ganz anderes (Helden-) Bild entwickelt hatte, nicht verkraften.
Im April 1968 verläßt Weinreb Holland und nimmt nach einem Zwischenaufenthalt in der Schweiz seinen neuen Wohnsitz in Jerusalem. Dort nimmt er die Arbeit an seinen Kriegsmemoiren wieder auf, die er 1962 auf Drängen von Professor Presser - "Sie sind der Welt verpflichtet, Ihre ganze Kriegszeit zu beschreiben" - begonnen hatte. Der renommierte Amsterdamer Verlag Meulenhoff gibt das Werk mit dem Titel "Collaboratie en verzet" (Kollaboration und Widerstand) schon 1969/1970 in drei Bänden heraus. Für den ersten Band, "Im Land der Blinden", wurde Friedrich Weinreb 1969 der Literaturpreis der Stadt Amsterdam zugesprochen. In seinem Vorwort betont Prof. Presser auch "die außerordentlichen Qualitäten dieser Schrift als historisches Dokument". Weinrebs Kriegserinnerungen sind nicht nur in der niederländischen, sondern auch in der gesamten Nachkriegsliteratur unvergleichbar und einzigartig. Die deutsche, ebenfalls dreibändige Ausgabe erschien 1989 unter dem Titel "Die langen Schatten des Krieges".
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