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Thema

Hier werden wichtige Themen von Autoren beleuchtet, die mit dem Werk von Friedrich Weinreb vertraut sind.

Die Nähe Gottes



Die Welt, noch ein blosser Gedanke in Gott, ist ein Kind. Deshalb erscheint das Ewige, wenn es in die Zeit kommt, vorerst als Kind. Das Kind ist die ursprüngliche Form der Weisheit. Das Kind markiert aber nicht nur den Anfang der Schöpfung, es steht auch am Anfang der Sprache. So kann man auch von der Kindheit des Wortes in Gott selbst sprechen. Die Sprache entsteht als kindliches Spiel. Vortrag an der Reichenau Tagung 2016 gehalten von Eugen Baer.



Olam azilut: die Nähe Gottes
Von Eugen Baer

 

Das Reich des Unbewußten gehört zum Menschen. Wie der Traum von dort her in die Erinnerung im Bewußten hineintritt, so kommt alles, was wir tun, unser ganzes Verhalten, von dort her. Das ganze Leben im Wachsein ist gelebter Traum. Ob wir uns an Träume erinnern oder nicht, im Leben des Alltags spiegelt sich unser Leben in Geist und Seele, unser ganzes Leben im Unbewußten. Dort können wir wie die Kinder sein. Weinreb, Traumleben, I, 16-17

 

Das Reich der Himmel ist nahe gekommen

Mt 3,2

 

Einstimmung
Es ist mir eine große Freude, wiederum im Kreise von Weinreb-Freunden sprechen zu dürfen. Es sind paradiesische Tage hier auf der Insel Reichenau. Die Welt aber ist im Chaos. Ich bin soeben von den USA hergereist, wo die neu gewählte Regierung die schwer errungenen allgemeinen Menschenrechte radikal in Frage stellt. Auch in Europa geht es nach rechts, und so möchte ich heute die Frage stellen: Wie lebt man mit dem Chaos? Wie ist es möglich, in einer Welt, die sich in einer Krise befindet, das Thema unserer Tagung «Gott in mir, und ich in Gott» so zu erfahren, daß diese Welt samt ihren Krisen darin eingeschlossen ist? Die Antwort darauf, mit Weinreb, kommt vom Unbewußten her. Dort, nämlich, können wir wie die Kinder sein.

 

Auf hebräisch heißt die Welt olam. Olam hat viele Erlebnisschichten und heute möchte ich fragen: Wann fühlen wir uns Gott am nächsten in dieser Welt? In welchem Traumbild sind wir am innigsten mit Gott vereint? Wann sind wir in Gott und Gott in uns? Als mögliche Antwort auf diese Fragen möchte ich heute von der obersten Welt in der Kabbala berichten, der Welt der Nähe Gottes, olam azilut, und zwar mit Hilfe des Traumbilds vom Kind-in-uns. Das Kind als Traumbild wird nie erwachsen. Es ist ein ewiges Kind, ein Archetyp. Und es wird mehr und mehr zum Kind in uns, je älter wir werden. Denn das Kind steht im Anfang, und je älter wir werden, je mehr wir uns dem Ende unserer irdischen Existenz nähern, desto mehr nähern wir uns dem Anfang aller Dinge. Wir erwecken in uns die olam azilut.

 

Weinreb erwähnt zwar die olam azilut wenn er auf die vier Welten der Kabbala zu sprechen kommt, hat aber meines Wissens nie ausführlicher darüber berichtet. Aber das Thema: Gott in uns und wir in Gott will doch gerade auf diesen Ursprung der Schöpfung zurückführen. In der olam azilut ist die Schöpfung noch ganz mit Gott vereint; sie ist in Gott, noch bevor sie in Erscheinung tritt. Obwohl die unterste Welt, die olam assia, die Welt des Tuns, uns und unserem Körper am nächsten ist, ist es möglich und sogar notwendig, uns bewußt zu werden, daß wir schon jetzt in der olam azilut, im Ursprung der Welt, leben und schon immer dort lebten. Wer aber Ursprung sagt, sagt ontogenetisch das Traumbild vom Kind, ganz nahe bei Vater und Mutter, ganz nahe noch «in» Gott. Und das korban unseres Lebens als Opfergabe an Gott ist doch, wie Weinreb lehrt, ein beständiges Näherkommen zu Gott, also ein Erwecken der olam azilut in uns, der Welt der Nähe Gottes.

 

Bei den sefirot findet man die olam azilut ganz oben unter dem Leitbild «Weisheit» und sie ist ein spielendes Kind, das vor Gott spielt. Wenn wir dieses Kind in uns erwecken, so meint Weinreb, dann erleben wir emuna, ein kindliches Vertrauen in Gott, dann sind wir in Gott und Gott ist in uns. Dann wird alles im Leben «spielend leicht». Darüber möchte ich gerne berichten.

 

Eine andere Welt
Friedrich Weinreb betonte immer wieder, daß das Leben spielend leicht wird, wenn wir neben unserem Bewußtsein auch den Kontakt mit dem Nichtbewußten pflegen. Dabei ging es ihm nicht darum, den Ernst des Lebens mit allen seinen Gefahren, Grausamkeiten, Leiden und Schikanen zu verharmlosen. Im Gegenteil, er stand mit beiden Füssen mitten im Leben und erlebte ungemein Hartes während des Zweiten Weltkrieges, verlor auch einen Sohn während dieser Zeit, und saß danach mehrere Jahre im Gefängnis. Oft zitierte er das Jesus-Wort: «Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben» und war selbst das beste Beispiel dafür.

 

Schon als Fünfjähriger machte Weinreb eine Entdeckung, die für seine folgende Entwicklung maßgebend war. Die Eltern lebten 1915 als Flüchtlinge in Wien und mitten in den Unruhen des Ersten Weltkriegs kamen Weinrebs Großeltern zu Besuch. Sie zeigten dem jungen Fischl daß es «neben dem unruhigen Leben der Flüchtlinge auch ein Leben der Gelassenheit und Ruhe gab, eine Traumwelt', wie er sie nannte.» (Baer, Ewiges Leben im Wort, S. 29). Weinreb schreibt darüber in seinem Buch Begegnungen mit Engeln und Menschen:

 

1915 kamen eines Tages die Großeltern nach Wien. Die Eltern der Mutter und der Vater des Vaters. Zum erstenmal sah ich mit Bewußtsein diese bärtigen Männer, anders gekleidet und anders sich benehmend. Sie weinten nicht, sie waren auch nicht erregt. Es sah so aus, als ob ihnen all das, was geschah, ziemlich gleichgültig wäre. Mit ihnen zog sogar der Spaß ein, mit viel Lachen – etwas Leichtes.

Begegnungen mit Engeln und Menschen, S. 61

 

Zum ersten Mal erfuhr der fünfjährige Fischl, daß das Leben auch unter Bedrängnis spielend leicht werden kann, und zwar dann, wenn man nicht nur in der Welt von Zeit und Raum lebt, sondern auch im Unbewußten. Später erfuhr er, daß im alten Wissen der Mensch auf seiner unbewußten Seite einen von Licht umhüllten Leib hat, der grenzenlos ist und mit allem in Beziehung steht, also alle Zeiten und Räume umfaßt. Dieser Lichtleib ist derselbe Leib, den wir in Zeit und Raum als den von unserer Haut begrenzten Körper erleben, aber von einem anderen Gesichtspunkt her erlebt. Das Geheimnisvolle dabei ist, daß im Hebräischen das Wort für Licht gleich lautet, wie das Wort für Haut, nämlich «Or». «Or» als «Licht» wird Aleph-Waw-Resch gechrieben, «Or» als Haut schreibt sich Ajin-Waw-Resch. Der Lichtleib lebt in der Alef, der Eins, im ewigen Sein, der von der Haut begrenzte Körper lebt in der Ajin, der Siebzig, im körperlichen Werden. Das alles geschieht zu gleicher Zeit als ein koordiniertes Erlebnis einer doppelten Weltschau, die sich im Buchstabenbild der Alef anzeigt, mit einer oberen Jod und einer unteren Jod, und in der Mitte die Waw, der Haken, der beide Welten zur Einheit verbindet.

 

Die obere Welt in der Kabbala ist vielschichtig, aber ganz oben finden wir die olam azilut, in welcher die Schöpfung noch ganz in Gott west. Sie ist in Gott und Gott ist in ihr. Es ist die Welt des Ursprungs, die Welt der Alef. Dort ist die Schöpfung noch ein Kind in völliger Einheit mit Gott. Nach dieser Welt sehnen wir uns. Wir könnten uns aber nicht nach ihr sehnen, wenn sie nicht schon in uns wäre. Es ist unser ewiges Kind-sein im Unbewußten, in der Traumwelt der Lichtgeburt, des aufgehenden Lichtes im Osten, wo die Sonne immer im Aufgehen ist und alle Gräber leer sind. Das Kind ist die immerwährende Geburt unseres Lichtleibes als Kind des Lichts. Das Kind ist ewiger Anfang.

 

Der Lichtleib im Alltag
Die Frage ist nun, wie offenbart sich der Lichtleib im alltäglichen Leben? Weinreb meint, die Verbindung mit dem Unbewußten fängt damit an, daß sich der Mensch nach Beziehungen sehnt, die sich jenseits der kausalen Welt in der Liebe abspielen. Die Sehnsucht nach Liebe manifestiert sich in der Fantasie. Albert Einstein soll gesagt haben: «Logik bringt dich von A nach B, Fantasie bringt dich überall hin.» Aber wer schenkt schon Fantasien seine Aufmerksamkeit? Weinreb beklagte sich oft, daß Eltern und Schulen zu schnell den Kindern das Fantasieren absprechen und an seiner statt ihnen das Rechnen beibringen. Im Hebräischen sind Denken und Rechnen dasselbe Wort (hashab). Damit geht der Zugang zum nicht-kausalen Erlebnis verloren. Manche Kinder haben noch das Talent, beim Spielen sowohl kausale wie nicht-kausale Erlebnisse in einer ursprünglichen Einheit zu erleben.

 

Ich erinnere mich diesbezüglich an eine Geschichte, die ich anderswo (Baer 2010:102-103) schon erzählt habe und die mir unvergesslich im Gedächtnis geblieben ist. Es ist die Geschichte eines kleinen Mädchens, etwa sechs Jahre alt, das im Stadtpark auf der Schaukel spielt. Es macht dabei Gesten eines Flugzeugs mit ausgestreckten Armen. Plötzlich verläßt es seinen Sitz und geht auf eine andere Schaukel über. Ein Kinderpsychologe, der dem Mädchen von ferne zugeschaut hat, nähert sich ihm mit der Frage, was es auf der Schaukel erlebe. «Ich bin ein Pilot,» erklärt ihm das Kind. «Ja, das verstehe ich gut,» antwortet er ihm darauf, «ich habe dich auch bewundert, wie schnell dein Flugzeug hin und her flog. Eines aber konnte ich nicht verstehen: weshalb bist du plötzlich von deiner Schaukel abgestiegen und hast eine andere genommen?» Da schaut ihn das Mädchen an mit einer Miene, die zu besagen scheint, daß er vielleicht von der ganzen Piloterei nur wenig verstand, und sagte: «Ja, der Benzintank war leer. Beim anderen Flugzeug war er noch voll.»

 

Ich schrieb dazu vor ein paar Jahren: «Diese köstliche unbewußte Mischung von Fantasie und Realität ist es genau, die Weinreb im Auge hat, wenn er das Kind an den Anfang der Weisheit stellt. Dabei ist noch zu bemerken, daß das Mädchen in unserem Beispiel sofort die Schaukel verläßt, sobald die Mutter im nahen Haus zum Mittagessen ruft. Es mangelt dem Kind nicht an Realitätssinn, aber es lebt dazu noch in einer Fantasiewelt, und beide Welten sind ineinander untrennbar verflochten.» (Baer 2010:103-104).

 

Die Weisheit ist ein kleines Mädchen
Die Fantasiewelt ist geeignet, mit der olam azilut in Beziehung zu kommen. Denn dort ist alles noch offen, voll von Möglichkeiten und Potentialität. Bei den sefirot wird die olam azilut ganz oben plaziert, bei keter, chochma, und bina. Wir befinden uns dort am Ursprung der Welten. Zum Beispiel  chochma, hebräisch für Weisheit,  ist nach Weinreb «der Punkt, wo Gott den Weg aus seiner Einheit zur Welt anfängt. Dieser Punkt ist wie der mathematische Punkt nulldimensional. Im Heiligen, im Ewigen sind die Weisen dort, wo die Welt anfängt, wo Gott noch allein ist und sich diese Welt als Gegenüber denkt. Aus diesem Gedanken, die Welt zu bauen in Liebe und Gerechtigkeit, entsteht die chochmah.» (Das jüdische Passahmahl, S. 74-75). Und weiter: «Im Heiligen, im Ewigen sind die Weisen dort, wo die Welt anfängt, wo Gott noch allein ist und sich diese Welt als Gegenteil denkt.» Die Welt, noch ein bloßer Gedanke in Gott, ist noch ein Kind. Deshalb erscheint das Ewige, wenn es in die Zeit kommt, vorerst einmal als Kind, als Kind in Bethlehem, dem Haus des Brotes. Das Kind ist die ursprüngliche Form der Weisheit. In einem erstaunenswerten Archetyp der Bibel wird dieses Kind im Buch der Sprüche beim Spielen beschrieben. Es ist ein kleines Mädchen (sophia) und spielt ganz am Anfang von Gottes Wegen, noch bevor er die Welt erschuf. Hören wir zu:

 

Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, am Anfang, beim Ursprung der Erde. Als die Urmeere noch nicht waren, wurde ich geboren, als es die Quellen noch nicht gab, die wasserreichen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. Noch hatte er die Erde nicht gemacht und die Fluren und alle Schollen des Festlands. Als er den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmaß über den Wassern, als er droben die Wolken befestigte und Quellen strömen ließ aus dem Urmeer, als er dem Meer seine Satzung gab und die Wasser nicht seinen Befehl übertreten durften, als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.

Sprüche, 8,22-31

 

Wer ist dieses Ich, das da spricht? Es wurde ganz am Anfang von Gott erschaffen, noch vor der Schöpfung. Und dann während der Schöpfung ist dieses Ich dabei. Es ist das Ich eines Kindes, eines Mädchens, das seine Freude hat, allezeit vor Gott zu spielen und Gott hat seine wahre Freude an ihm. Nachdem die Menschen erschaffen wurden, war es eine Freude für dieses Kind, bei den Menschen zu sein.

 

Ich finde es außerordentlich, daß die Weisheit hier in der Gestalt eines kleinen Mädchens vor Gott spielt. Als Weisheit ist dieses kindliche Gemüt, das alle Gelehrsamkeit übertrifft, ganz oben bei den sephirot in der olam azilut, ganz nahe bei Gott, und regiert von dort die Welt:

 

Durch mich herrschen die Könige und erlassen die Fürsten gerechte Verordnungen. Durch mich regieren die Herrscher und die Edeln, alle Richter auf Erden.

Sprüche 8, 15-16 

 

Die Spannung könnte nicht größer sein: Ein spielendes Kind als die eigentliche Ursache hinter dem heilsgeschichtlichen and säkularen Weltgeschehen. Wie können wir das verstehen? Wir finden nämlich das Kind wieder bei Lukas (18, 15-17), als die Weisheit, die den Weg zeigt zum Eingang in Gottes Königsreich. Das führt zur Frage: Wieso finden wir in der Frohbotschaft der Evangelien das Kind am Eingang zu unserem Verhältnis zu Gott? Ganz im Gegensatz zu Kafkas Türhüter, der den Eingang zum Gesetz verbietet, steht im Wort Gottes das Kind als Bedingung unserer Beziehung zu Gott. Wie kommt das?

 

Das Jenseits ist ein spielendes Kind
Weinreb kann uns da weiterhelfen. Er hat immer betont, daß es neben dem zeitlichen «Hier» auch ein ewiges «Dort» gibt, ein Jenseits des Hebräers, das plötzlich und unvorhergesehen vom Nichtbewußten her in unseren Alltag einbrechen kann. Ein klassisches Beispiel dafür ist sicherlich die Bekehrung des heiligen Augustinus, Bischof von Hippo. Am Höhepunkt seines inneren Konfliktes hört er plötzlich die Stimme eines Kindes. Das Kind ist beim Spielen und ruft aus irgendeinem Grunde: tolle lege, tolle lege, was übersetzt heißt: nimm und lies, nimm und lies. Lies was? Augustinus greift spontan zur Bibel, denn sie enthält doch den Sinn der Schöpfung. Und was liest er da? Per Zufall trifft er auf die Worte des Römerbriefs: «Nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Zank und Neid, vielmehr ziehet an den Herrn Jesus Christus und pflegt nicht des Fleisches mit seien Lüsten» (Röm 13, 13).

 

Hier ist etwas archetypisch Tiefes geschehen. Wir entdecken hinter der monumentalen Bekehrung des heiligen Augustinus die Stimme eines kleinen Kindes beim Spiel. So etwas ist nicht durch lineare Kausalität zu lösen. Es ist überhaupt nicht zu verstehen. Der Baum des Wissens hilft da nicht weiter. Es ist eine unvorhergesehene Frucht vom Baum des Lebens, eine totale Überraschung. Augustinus schreibt: «Kaum war dieser Satz zu Ende, strömte mir Gewißheit als ein Licht ins kummervolle Herz, daß alle Nacht des Zweifelns hin und her verschwand». (Bekenntnisse, 8. Buch 12, 29). 

 

Diese Kinderstimme, «Nimm und lies», lebt in uns allen. Hören wir sie? Wann sind wir ihr begegnet? Ist es nicht dort, im Unbewußten, wo wir nur noch vertrauen konnten, ohne zu verstehen?

Weinreb erzählt in seinem Buch Das Passahmahl, daß es im Talmud öfters vorkommt,

 

«daß ein Weiser, wenn er etwas, das ihm unklar ist, wissen möchte, ein Kind, dem er gerade begegnet, fragt, welchen Vers es gerade im Lehrhaus gelernt hat. . . Das Kind ist das Kind in ihm, das Kind, das er selber ist. Er ist das Kind dort, wo er glaubt, vertraut, sich sehnt, im Vertrauen sein Schicksal hinnimmt. Dort, wo er weiß, daß er von den Eltern geliebt wird, umsorgt wird. . . Er ist noch der Säugling, der tinok, wo er vom Himmel seine Nahrung erhält.»

Passahmahl, S. 247

 

Das spielende Kind spricht zu uns von unserem Nichtbewußten her. Überraschend erscheint es in unserem Leben und macht unser Leben spielend leicht, denn es bringt mit sich die Erfahrung aus dem Jenseits, daß unser Leben in Gottes Hand ist. Wir, die wir immer im kausalen Denken befangen sind, werden durch das Spiel des Kindes an eine Ur-Dimension unseres Lebens erinnert, die zweckfrei ist: Gott liebt uns umsonst. Daher das Traumbild des Spiels. Es ist ein Bild der Weisheit. Chochma, die Weisheit, und Bina, das Verständnis, sind die erste Emanation Gottes ganz am Ursprung der Schöpfung. Da lebt eigentlich nur das Wort, das Gott ist. Weinreb liebte deshalb den ersten Satz des Evangeliums nach Johannes: «Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.» (Jo 1,1). Dann wurde das Wort ein Kind und so dürfen wir von einer Kindheit des Wortes sprechen.

 

Die Kindheit des Wortes
Das Kind markiert also nicht nur den Anfang der Schöpfung, es steht auch am Anfang der Sprache. Ich spreche hier von der Kindheit des Wortes in Gott selbst, ein Traum vom Ursprung der Sprache, von der Entstehung des Wortes, noch vor der Schöpfung. Die Sprache entsteht als kindliches Spiel. Es gibt in der Kabbala ein Buch, das diesem Spielen gewidmet ist. Es ist das Buch der Formung, es heißt Sefer Jezira. Dieses Buch ist wesentlich ein Spielen mit hebräischen Buchstaben und eine Einführung in das Spielen der biblischen Sprache selbst, ganz am Ursprung der Buchstaben und Worte. Spielend wird man hier in die unendlichen Dimensionen eines mystischen Sprachverstehens eingeführt. Von daher ist es zu verstehen, weshalb Weinreb seit seinem Schlüsselerlebnis im Gefängnis gerne Kurse über die hebräischen Buchstaben gab, um ein modernes Verständnis für «das alte Wissen» des Sefer Jezirah zu wecken, für das Spiel der «Formgebung». Immer wieder kam er auf die Buchstaben zu sprechen. Im Jahre 1969 erschienen seine Kurse über das hebräische Alphabet zum erten Mal in Manuskriptform in Holland. Christian Schneider hat mit Hilfe von Hermine Milgram-Weinreb den holländischen Text überarbeitet und durch Konrad Dietzfelbingers Übersetzung im Jahre 1995 auf deutsch unter dem Titel Vor Babel herausgegeben. In diesem Buch ist Weinreb selbst das spielende Kind und gibt uns einen Einblick in die Kindheit der Ursprache. Wir erleben mit ihm die Kindheit des Wortes, einer Welt des Wortes noch vor dem Bewußtsein, die Weinreb auf spielende Weise unserem Bewußtsein näher bringt und es dadurch vom Ewigen her ernährt.

 

Von daher, von diesem Spielen her, ist auch die Gematria zu verstehen, die darin besteht, Assoziationen aufgrund der Zahlenwerte der hebräischen Worte hervorzubringen. Man darf diese Assoziationen nicht zu einseitig ernst nehmen ohne in eine Art von Beweisdenken abzurutschen. Vielmehr handelt es sich darum, sich spielend in die Innenwelt der Worte hineinzuträumen. Um mit dieser intimen Innenwelt der Worte zu spielen, sind die Assoziationen der Gematria eine willkommene Hilfe. Friedrich Weinreb hat von dieser Hilfe oft Gebrauch gemacht. Ein köstliches Beispiel dafür ist sein ausführlicher Kommentar zur Geburt des Jesuskindes in Bethlehem, dem Haus des Brotes. Es wird dort gesagt, daß das Kind Jesus in Windeln gewickelt wird. Hier, als Beispiel, ist Weinrebs Spiel mit dem Wort «Windeln»:

 

Windeln, hebräisch chatol, 8-400-6-30, umhüllen das Kind; Zeitlichkeit umhüllt es bald. Denn das Wort chatol, 444 in seinem Zeichen, erzählt die Vier in allen Ebenen, in den Einern, den Zehnern und den Hundertern. Es sind auch die vier Ecken der Welt, die vier Wenden im Leben (4. Mose, 15, 37-41), die vier Wesen an Gottes Thron (Ezechiel 1), die vier Evangelien. Dies alles, wie auch das Wort in seiner Erscheinung, umwickelt, umschichtet das Kind .

Innenwelt des Wortes im Neuen Testament, S. 71 

 

Gott west in mir als Kind, ich lebe in Gott als Kind. Das Kind in mir ist Gott selbst. Die Zahl 4 steckt also verborgen in den Windeln des Jesuskindes. Weinreb sieht in der Zahl 4 die Idee der Zeitlichkeit selbst. Die Windeln markieren den Eintritt dieses einzigartigen Kindes in die Zeitgeschichte. Dann wird aus der 4 die 3. Das Kind in Nazareth wird mit dem Wort 30 Jahre lang spielen, bevor es dann 3 Jahre lang das Wort von der Nähe Gottes verkündet, also eine Proportion von 10:1. Dreißig Jahre verborgendes Spiel mit dem Wort, von dem der zwöfjährige Jesus, noch ein Kind, im Tempel uns kurz einen Lichtblick schenkt und damit seine ganze Kindheit offenbart. Dann drei Jahre, in denen er, nun als Sohn des Menschen, das volle Gewicht der öffentlichen Zeitlichkeit samt dem Tod auf sich nimmt. All dies endet in den drei letzten Tagen die ins Osterlicht führen, als die Sonne schon aufgegangen war.

 

Das Kind spielt mit dem Wort, das Gott ist. Es spielt in einer Welt, wo eigentlich nur das Wort ist, das Wort, das Gott selbst ist, ganz am Anfang der Schöpfung, in der Kindheit der Schöpfung sozusagen. Wir sind wiederum beim Buch der Sprüche:

 

Als er die Fundamente der Erde abmaß, da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit. Ich spielte auf seinem Erdenrund, und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.

Spr 8, 30-31

 

Es ist die Weisheit, die da spricht, und chochma, Weisheit, schreibt Weinreb im Buch Die Innenwelt des Wortes, «bedeutet eben die Quelle der göttlichen Liebe. Aus der Chochma fließt, quillt, die Liebe. Die Chochma ist so verborgen, daß sie in heutiger Ausdrucksweise nulldimensional genannt werden kann. Die Hauptsache der Chochma aber ist nun eben dieses verwunderte Staunen: Wie ist das alles möglich?»
(Innenwelt des Wortes, S.78).

 

Kind-werden
Das Kind versteht die Welt nicht im Sinne des Wissens. Es ernährt sich hauptsächlich noch vom Baum des Lebens und spielt mit. Es reflektiert nicht, es ist spontan. Sein Gehen ist locker, oft dreht es sich im Kreise und denkt überhaupt nicht linear. Als das «jüngste» in der Familie Gottes, lebt es in der Gegenwart, im «Heute», im Augenblick, denn die «jüngste Zeit» ist das, was im Augenblick geschieht. Rilke hat diese kindliche Realität in einem Gedicht evoziert:

 

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Rilke, Die Gedichte 1898

 

Wir wissen von der Bibel her von Engeln, deren Antlitz in der Tradition das Antlitz eines Kindes ist. Es sind die Cherubim, die in uns tagtäglich das innere Kind beschützen. Das Wort cherub stammt vom Assyrischen kiribu, «nahe (bei Gott)». Die Cherubim sind also in der olam azilut. Sie schweben im Tempel über der Bundeslade. Das heißt, sie bewachen das Allerheiligste in uns, das Kind in uns. Die zwei Cherubim, die über der Bundeslade schweben, berühren sich mit den Spitzen ihrer Flügel. Dort weilt nach der Tradition die schechina als kleines Kind. Es ist die chochma, die göttliche Weisheit, die in unserem Innersten, also im Allerheiligsten, sich Gott im Spiel hingibt.

 

Wir wissen von Weinreb, daß im alten Wissen das hebräische Alphabet der Schöpfung vorausgeht, denn Gott schaut in die Tora und kleidet die materielle Welt um sie herum. Nun ist in diesem Alphabet der Buchstabe Jod das Kind, weil es das kleinste Zeichen ist.  Es erscheint in dieser Welt wie ein Regentropfen, der vom Himmel her auf die Erde fällt. Alle hebräischen Zeichen sind von diesem Tropfen, von diesem Buchstabenkind, abhängig, alle werden vom kleinsten Zeichen her geformt. Weinreb schreibt dazu:

 

Alle Zeichen sind vom Zeichen des Kindes abhängig. Sie hängen doch auch buchstäblich am Jod, an der «10», an der Null der Gegenwart. Aber mit dieser Null-Dimensionalität ist das Kind auch das Prinzip des Anfangs von allem, was in der Gegenwart erscheint.

Innenwelt des Wortes, S. 99

 

 Jod ist also der kleine Tropfen am Anfang der hebräischen Schriftsprache. Jod ist das Kind, das in dieser Welt die Sprache mit sich bringt und als Tropfen auf die Quelle der Weisheit hinweist. Und die Weisheit ist als Kind bei Gottes Schöpfung dabei und freut sich, bei den Menschen zu sein. Es bringt mit sich die olam azilut. In unserem Kindsein sind wir Gott nahe.

 

So interpretiert Weinreb auch die Geburt Jesu als Kind, das in der Krippe liegt. Das Kind ist hier nach Weinreb das Prinzip aller Materie-Werdung. Er schreibt:

 

Nun ist dieses Zeichen zwar ein zartes, vom Himmel, von oben herabkommendes Prinzip aller Materie-Werdung, es heißt aber Jod, und Jod ist im Hebräischen das Wort für Hand.

Innenwelt des Wortes, S. 99

 

 Jod, als Kind der Buchstaben, ist auch die Hand, die Eins des Daumens mit der 4 der Finger. Und das bringt uns zur Frage: Wie handelt das Kind? Ist das Kind der Daumen, durch den die 4 erst zugreifen kann, handeln kann? Ist es das Spiel, das am Anfang der Schöpfung steht? Ist das Spiel der Anfang des Handelns? Weinrebt kommentiert:

 

Werdet wie die Kinder!, höre ich dann. Handelt zart, verborgen, spontan, ohne Plan, ohne Gedanken an für euch vielleicht lästige Konsequenzen. Lasset die Kinder zu mir kommen. Und ich denke dann – ganz unsentimental – an das Kind in der Krippe. Ist vielleicht in meiner Verborgenheit zu spüren – und an diese Spur ist eben nicht gezielt zu kommen –, daß wir uns nach einem Handeln sehnen, das von Herzen allem das Beste gönnt und wünscht und wie das Zeichen Jod alle anderen Zeichen hervorbringt? Daß mir also dann alles schon im Verhalten kommt. Ich werde tun, sehr viel tun. Aber nicht geplant; es handelt sich dann schon von selber, wenn meine Absicht die von meinem Kinde ist. Ich selbst als Kern, wo mein Kind noch lebt. Vielleicht ist es oft verschüttet, fast erstickt, erhält keinen Atem, neschama von Gott mehr; es ist aber immer drinnen verborgen noch da. So bin ich dieses Kind, wenn ich wirklich Ich bin.

Innenwelt des Wortes, S. 99

 

Es ist nie zu spät, dieses Kind zu werden, denn das Kind lebt in uns; es lebt im ewigen Jetzt. Was dann geschieht, ist unglaublich:

 

Zum ersten Mal werde ich mir inne, daß ich wirklich als Kind Gottes geboren bin. Es ist die Geburt des göttlichen Ichs in mir.

 

Damit will ich schließen: Wenn ich wirklich ich bin, bin ich in Gott und Gott ist in mir. Dies kommt im Zeichen Alef zum Ausdruck. Dort ist das obere Jod Gottes eins mit dem unteren Jod der Schöpfung. In der olam azilut bin ich vereint mit Gott im Glauben und dem Vertrauen eines Kindes, daß es in den Armen seines Vaters und seiner Mutter für immer geborgen ist, daß es «sich schon tut», auch wenn ich es nicht verstehe, daß es, entgegen allem Augenschein, schon recht herauskommt. Oder wie Rilke so tief dichtet in seinem Gedicht «Herbst»:

 

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
Als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
Sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält. 

 

Literaturhinweise

Baer, Eugen

2010   Ewiges Leben im Wort. Eine Einführung in Leben und Werk von

            Friedrich Weinreb. Zürich: Verlag der Friedrich Weinreb Stiftung

 

Rilke, Rainer Maria

1998   Die Gedichte. Frankfurt am Main : Insel Verlag

 

Weinreb, Friedrich

1974   Begegnungen mit Engeln und Menschen. Mysterium des Tuns. Bern: Origo

            Verlag

           

1984   Das jüdische Passahmahl und was dabei von der Erlösung erzählt wird.    München: Thauros Verlag.

 

1988   Innenwelt des Wortes im Neuen Testament. Weiler im Allgäu: Thauros

            Verlag



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