Weinreb Stiftung

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«Du, fast noch Kind, ergänze...»

Er wundert und er freut sich, wenn andere sich auch freuen können – über irgendein beglückendes Gelingen oder einfach über das, was ist. In den Schweizer Bergen aufgewachsen, zog es ihn in der alten Welt zunächst ans Mittelmeer nach Frankreich, Italien und Spanien, dann durch ganz Europa und weiter über den Atlantik in die moderne Welt der Vereinigten Staaten, wo er im noch naturnahen, auch mit Bergen versehenem Bundesstaat New York seine hiesige Bleibe fand – ohne aber seiner alten Bergheimat abtrünnig zu werden. Die Rede ist von Eugen Baer, der dieser Tage seinen achtzigsten Geburtstag feiert. Eine nicht ganz persönliche Perspektive. Von Heini Ringger



«Du, fast noch Kind ....» möchte man ihm mit den Worten von Rilke sagen, wenn er «kommt und geht», wenn er freitagmorgens aus der Flughafenhalle und montagmorgens wieder in die Flughafenhalle tritt und über den Atlantik fliegt. Dazwischen drei Tage Reichenau Tagung mit Gesprächen und frohen Gesichtern, mit einem Vortrag beglückend nicht nur durch das Gesagte, sondern das, wie er es sagt und das, was in seinen Augen und seiner Stimme heiter, oft kurz sanft aufblitzt – jeder und jedem das beste Leben gönnend. Vor dem Rückflug am Sonntagabend jeweils das italienische Essen im Santa Lucia. Am Dienstagmorgen steht er bereits wieder vor den Studierenden, praktisch philosophierend: Begreifen wir, wer wir sind, was wir tun, was wir sein und werden wollen, wie ein sinnvolles Leben zu führen wäre


«...mit dir nach dem Gehör zu gehn»
Eugen Baer ist kein Überflieger, obwohl er jedes Jahr mehrmals den Atlantik  überquert. Er ist einer, der trotz «Kommen und Gehen» der kleinen Dinge auch bleibt – in der Präsenz bleibt. Einer, der so «...die dumpf ordnende Natur vergänglich übertrifft» (Rilkes Gedicht folgt am Ende des Textes; darauf beziehen sich die «Zitate»). Einer, der Zeichen setzt, sie lebt, sich aber von diesen wieder emanzipiert, ja sie transzendiert «zum reinen Sternbild einer jener Tänze», um gleich wieder ganz immanent das Zeichenspiel als Lebensspiel zu leben und zu verstehen, auch wenn es einfach passiert und es letztlich nichts zu verstehen gibt. Einfach einer, der «...für einen Augenblick die Tanzfigur ergänzt...». Kein Wunder – oder doch? – ,dass so einer zum Semiotiker geworden ist, zu einem, der die Zeichen auch noch lehrt. Zum Dichter wäre so einer auch geworden, um «...mit dir nach dem Gehör zu gehn». Vielleicht ist er auch einer?


Geboren in den Bergen Graubündens in Klosters «regte sich seine Natur» im Jahre 1937. Als Sohn eines Bergführers, Skilehrers und Künstlers – eine Sonnenuhr ziert noch ein öffentliches Gebäude – wuchs er in eine Bergwelt hinein, die ihn bis heute prägt und in die er fast jedes Jahr winters wie sommers zurückkehrt. Im Sommer geht er mit Familie über Stock und Stein; im Winter fährt er Ski mit seinem Sohn Geni auf den weissen Pisten, die ihn damals als jungen talentierten Rennfahrer schon herausforderten. Man muss sich ihn als einen glücklichen Jungen vorstellen, der abends mit einem nicht leichten Rucksack direttissima ins Tal hinunter fährt. Umsonst. Um am nächsten Tag wieder am Berg zu sein. Noch heute befährt er als begeisterter Skifahrer mit seinem Jahresabonnement die Berghänge New Yorks.


Das Aufwachsen ist bei Eugen Baer das Eine, das Aufwachen das Andere. Beide verschränken sich in seinem Lebensgang. Beide gehen ineinander über. So werden manche nur wach geboren, manche bleiben zeitlebens wach – «hörend nur, da Orpheus sang». So ein waches Kind war wohl Eugen Baer. Selbst die Kindergärtnerin hätte sich in ihn verlieben können. In ein Kind, das wach hörend die Berge liebt und die Berge das Kind.


Wach aufwachsend begab sich Eugen Baer von den bündner Bergen des Prättigaus in die Welt hinaus. Zunächst ins nahe gelegene Appenzell. Dort verbrachte er die Gymnasialzeit im Kollegium St. Antonius, einer Klosterschule. Dort öffneten sich ihm neue Sichten mit – zeitlebens – fortlaufenden Einsichten. So trat er nach der Matura in den Kapuzinerorden ein. Während der Zeit als Kapuzinermönch studierte er Theologie an der Universität Fribourg und biblische Exegese am Pontificio Istituto Biblico in Rom und reiste in ganz Europa herum. Bei den Jesuiten in Rom lernte er auch koptisch. Wie das Koptische nahm er eine Sprache nach der anderen auf – bis heute sind es dreizehn, darunter fast eine Handvoll alte Sprachen.


Nach zehn Jahren emanzipierte er sich vom Kapuzinerorden. Frei denkend und frei vom gewohnten Denken hiess seine Zukunft Amerika. An den vielschichtigen Hintergründen der Sprachen interessiert, absolvierte er ein Philosophiestudium an amerikanischen Universitäten, wo er 1971 an der Yale University mit einer Arbeit über den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan promovierte. Nach dessen Hauptthese ist unser Unbewusstes wie eine Sprache strukturiert – gleichsam «...die Stelle, wo die Leier sich tönend erhob».


«Die unerhörte Mitte»
Nach dem Abschluss nahm Baer eine Philosophieprofessur an den Hobart and William Smith Colleges in Geneva, einer Kleinstadt im Staat New York an. Seit  1971 ist er dort tätig, gründete eine Familie, und lebt heute mit einer zweiten Familie in Ithaka, nicht unweit von Geneva entfernt, wo er seit Jahren als Dekan für die sozialen und persönlichen Anliegen von rund 2000 Studierenden verantwortlich zeichnet. Aus «der unerhörten Mitte» setzt er sich praktisch für sie ein, schenkt ihnen Vertrauen, sucht mit ihnen nach Wegen und Lösungen.


Ans Aufhören dachte er zumindest vor wenigen Jahren noch nicht. Weshalb auch? Weshalb mit etwas aufhören, das man am liebsten tut. Nach wie vor lehrt er auch Philosophie. Eine für das Leben. Lehren und Lernen bedingen sich für ihn gegenseitig. Kein Tag, an dem er nicht etwas von den Studierenden lernt und mitnimmt. Die Studierenden lieben ihn dafür. Eine Stimme auf der College Website dankte es ihm einst: «The best Professor of the world».


In seiner äusseren Biographie setzt er seit den Siebzigerjahren vermehrt auch Zeichen in der Semiotik. Sein Hauptinteresse gilt semiotischen Methoden in der Psychotherapie und in der medizinischen Betreuung. Mitte der Siebzigerjahre gehörte er so zu den Mitbegründern der Amerikanischen Semiotischen Gesellschaft, deren Präsident er mehrmals war.


Wie ist Heilung möglich? Wer und was heilt? Können Worte heilen? Darüber publiziert er in semiotischen Fachkreisen Artikel und Bücher. In seinem 1988 erschienenen Hauptwerk «Medical Semiotics» erzählt er das Autobiographische eines Menschen anhand des Krank- und Gesundseins und nimmt dabei noch die Evolution und die Kosmologie mit ins Blickfeld.


«...die schönen Schritte...»
Die Essenz der 426 Seiten von «Medical Semiotics» findet er später auf einer halben Seite in der Mundaka Upanischade wieder – «besser zusammengefasst als er es hätte sagen können», nach seinen Worten. Im 3. Teil wird von zwei Vögeln, die in demselben Baum sitzen, erzählt. Einer frisst die Früchte, der andere schaut zu. Der eine ist gebunden, der andere ist frei. Der eine geniesst und handelt, der andere ist der ewig stille Zeuge. Der Baum ist der Körper, in dem der eine das Unwissen und die Illusion der Verschiedenheit hervorbringt und in Leid versinkt. Erst wenn er im Anderen, von dem er nicht getrennt ist, den Ursprung Brahmans, das Selbst schaut, wird er geläutert und erlangt Befreiung. Der so Weise weilt nun im Selbst und spricht von nichts anderem.


Von nichts anderem spricht fortan auch Eugen Baer. Der Mensch leide, weil er nur eine Seite sehe. Wenn er aber die andere Seite der Vollkommenheit sehe – und ihre Majestät – dann verschwinde seine Trauer. Erfahrungen solcherart befreien Eugen Baer selbst. Er sei frei von der Illusion, irgendmal einen originellen Gedanken zu haben. Originell für ihn, das wohl, nicht aber für die Welt des Geistes. Das tönt bescheiden, klingt an die «unerhörte Mitte» in Rilkes Gedicht an, das «die schönen Schritte ... zu der heilen Feier» stets offenhält.


«...zu der heilen Feier...»
Einen im Geiste Verwandten traf Eugen Baer in Friedrich Weinreb im Jahre 1979 an den Zürcher Gesprächen im Brunnenhof in Zürich. Weinreb, der einst in Kalkutta arbeitete, war mit der indischen Geisteswelt wohl vertraut. Selbst lebte er aber in der jüdisch chassidischen Lebenswelt und der kabbalistischen Mystik. Doch im mystischen Kern sind sich trotz kultureller Ferne beide Geisteswelten nahe. Auch Baer und Weinreb kommen sich nahe. Im «Tat tvam asi», Das bist Du, treffen sie sich. Baer zieht die Selbstverständlichkeit wie Weinreb «Das Ewige» lebt an, wie «Das im Selbst» verständlich spricht. Er erlebt in ihm das Nebeneinander, Ineinander, Zueinander, Miteinander und Nacheinander in einer Art synchroner Lebenspraxis gelebt. Alles ist in uns, jederzeit überall, sind Weinrebs Worte dafür.


Doch wie lässt’s sich so im Alltag leben? Baer hört Weinreb, wie er vom Himmel erzählt und gleich darnach im Fernseher (als einstiger Fussballer) sich ein Fussballspiel anschaut. Eine oft erzählte Anekdote. Mehr noch spricht ihn der Alltag aus Weinrebs Lebensgeschichte an. Besonders seine autobiographischen Bücher, aber auch seine Aufzeichnungen zu Wort, Sprache und Sprechen bis zu den Buchstaben des Lebens bezeugen den integralen Charakter seines Alltaglebens. Das Wunder unserer alltäglichen Zeichenwelt lässt Baer als Semiotiker in die kabbalistische Gedankenwelt eintreten. Fortan bleibt er mit Weinreb im Gespräch. Auch im Selbstgespräch, im Gespräch mit dem Selbst, das ihn in eine neue Beziehung der biblischen Spiritualität hineinfinden lässt.


Mit der Zeit wird Eugen Baer selbst zum Übersetzer und Vermittler des kabbalistischen Gedankenguts. Er erzählt von der Fülle der Weinrebschen Gedankenwelt und verbindet sie mit der Fülle seiner eigenen Lebenswelt. Kaleidoskopartig, wie ein Kind, öffnet er aus der Tiefe des Wortes schöpfend den Blick für die Schönheit dieser Welt. Ein Hinweis darauf mag ein Eintrag auf der Website von Kunstplanbau e.V. Berlin sein, wo er 2016 an einen Kongress zur Aesthetik eingeladen worden ist: «Ein Höhepunkt der Veranstaltung war der Workshop «Passahmahl - Kabbalah - Chassidisches Judentum« mit Prof. Eugen Baer. Weinreb, Lacan, Begegnung, Aristoteles, Ewigkeit, Brot, Kant, Plato, Steiner, Lamm Gottes, man hu, Esel, neschem, 7 Früchte der Welt Gottes Weizen, Gerste, Weinstock, Feige, Granatapfel, Olive, Dattel, die 8. Frucht die Mandel-das Geheimnis der kommenden Welt, Muttergöttin, Ewigkeit, Maria, Raum und Zeit, Matthäus, Lama Govinda, Quelle, schomea, Rainer Maria Rilke immer wieder, Leib und Körper, Psalmen, Sanskrit, Hebräisch, Traumleben, Kranksein, Tenach, Fische, Latein, Tisch, Ei, Johannes, Griechisch, Bitterkraut, charosseth, Aramäisch, vijanana-maya-kosa,... ».


Diese Wortflut könnte eine verwirrende Bilderflut auslösen. Eugen Baer erzählt die Bilder aber als Metaphern, indem er mit dem Wort ins Wort hinein und hinüber führt, indem er die Vielschichtigkeit des Wortes zum Erleben zu bringen und so Zeit und Ewigkeit zu verbinden vermag. Gleichsam als heilsame Gegenbewegung zur Unmenge der medialen Wortbilder und selbstinszenierten Handybilder, die sich nur noch in der Selbstbespiegelung erschöpfen und die kein glaubwürdiges Ich mehr beglaubigen. Besonders stellte er sich auch dem interreligiösen Dialog, wie vor Jahren am Deutschen Kirchentag, an dem er mit Vertretern anderer Religionen zu Weinreb Themen sprach.


«...des Freundes Gang und Antlitz hinzudrehn»
Erfüllt «vom Göttlichen Werk, das sich in ihm vollzieht» verschenkt sich Eugen Baer im Alltäglichen. Er bringt sich ein als  Stiftungsrat, bis vor kurzem als Vizepräsident, der Weinreb Stiftung, als Referent an der jährlichen Reichenau Tagung, auch bei den Zürcher Gesprächen ist er nach wie vor präsent, und natürlich beruflich an seinem College in Geneva. Mittlerweile ist er ein kundiger Vermittler von Weinrebs Werk. Zu seinem hundertsten Geburtstag schrieb er eine Einführung in Leben und Werk mit dem Titel «Ewiges Leben im Wort». Weinrebs und Baers Biographie begegnen sich darin in einem Ich-Du Dialog, in einem Vertrauens- und Liebesverhältnis – sich im Anderen erkennend. In dieser inneren Freiheit des sich in der Welt gegenseitigen Erkennens sind seine zahlreichen Schriften zu Weinrebs Gedanken über das Geheimnis des Lebens zu lesen wie in «Hier und Dort», «Der Abstieg zu Gott», «Gott ist da, wo wir sind» oder im «Aufwachen zum Ewigen». Stets sind es Wege der Einswerdung und des weglosen Wegs des Einseins.


Nun sind wir angekommen am Punkt, wo weder Rückblick noch Ausblick weiterführen, wo die Symphonie des Lebendigen das «Göttliche Spiel» spielt, in dem sich das zarte Lächeln der Natur und des eigenen Lebens offenbart, wo die beiden Vögel im Baume in Rilkes Melodie einstimmen «...zu der heilen Feier des Freundes Gang und Antlitz hinzudrehn».


Fast so wie einst im Santa Lucia beim sonnabendlichen Essen Eugen Baer beim Anstossen mit einem Glas Wein aus einem Weinberg des Südens sagt – voller Staunen – , wo ihn das Leben überall hingeführt habe. Wir danken und stossen mit ihm am 19. August zum Achtzigsten an mit einem von Herzen kommenden «Viva»!


 Zum Verkosten nun das Gedicht von Rainer Maria Rilke «O komm und geh. Du, fast noch Kind, ergänze» aus den Sonetten an Orpheus in seiner gänzlichen Länge.


O komme und geh. Du, fast noch Kind, ergänze
für einen Augenblick die Tanzfigur
zum reinen Sternbild einer jener Tänze,
darin wir die dumpf ordnende Natur


vergänglich übertreffen. Denn sie regte
sich völlig hörend nur, da Orpheus sang.
Du warst noch die von damals her Bewegte
und leicht befremdet, wenn ein Baum sich lang


besann, mit dir nach dem Gehör zu gehen.
Du wusstest noch die Stelle, wo die Leier
sich tönend hob – ; die unerhörte Mitte.


Für sie versuchtest du die schönen Schritte
und hofftest, einmal zu der heilen Feier
des Freundes Gang und Antlitz hinzudrehn.


 



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